Große Defizite in der Nachsorge

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Expertenkongress zum Tabu-Thema Schädel-Hirn-Trauma: Auch die Politik ist gefordert

MAGAZIN · Gesundheit | MONTAG, 16. MÄRZ 2009

Von ANGELIKA STAUB

Noch befindet sich Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus in der stationären Rehabilitation,  erholt  sich  von den  Folgen  seines  schweren Skiunfalls,  bei  dem  er  unter anderem  ein  Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Sein Fall ist bekannt, nicht aber, dass jedes Jahr bei 270 000 Menschen eine  Schädelhirnverletzung neu  diagnostiziert wird.  Ihre Nachversorgung weist gravierende Defizite  auf,  sagen  Experten.  250  von  ihnen  trafen sich  jetzt  in  Bonn  zu  einem Nachsorgekongress. Die Tagung stand unter der Schirmherrschaft  der  „ZNS  – Hannelore Kohl Stiftung“ und galt  Betroffenen  sowie  Fachärzten,  Psychologen,  Therapeuten,  Pädagogen  und Pflegepersonen. Noch nie war der Andrang  so  groß.  „Rund  ein Prozent unter uns lebt mit einer Hirnschädigung“,  erklärt Achim  Weber,  Sprecher  der Arbeitsgemeinschaft „Rehabilitation  und  Nachsorge  nach Schädelhirnverletzung“.  Angesichts der hohen Zahl sei die gesamte  Gesellschaft  gefordert. Noch seien Schädelhirnverletzungen  für  viele  Menschen  aber  ein  Tabu-Thema, sagte  Dr.  Ute-Henriette  Ohoven,  Präsidentin  der  „ZNS  – Hannelore Kohl Stiftung“. Die meisten  Unfälle mit  Kopfverletzungen geschehen  im Straßenverkehr.  Sie  führen  zumeist zu Bewusstlosigkeit und Erinnerungslücken. Viele Opfer können  sich  auch  später nicht mehr an das Geschehene erinnern. Schwerverletzte  müssen dauerhaft  mit  Störungen  im Denken, Handeln, Empfinden, Wahrnehmen,  Bewegen  und Verhalten rechnen. Ihnen drohen  geistige  und  auch  körperliche  Behinderungen. Die Scham  der  Betroffenen  sei häufig groß. Viele  isolieren sich. Immer  mehr  Unfallopfer überleben ihre schweren Kopfverletzungen. Akut werden sie aufwändig  versorgt.  Um  die Nachsorge jedoch müssen viele  kämpfen.  Experten  haben „gravierende  Defizite“  ausgemacht.  Kritisch  werde  es, wenn der Patient die Rehabilitationsklinik  verlässt.  Dr. Hartwig Kulke von der Gesellschaft  für  Neuropsychologie weist  außerdem  auf   die  Gefahr  der  zu  frühen  Prognose hin  – auch  im Fall  von Dieter Althaus. Der berühmte Patient wird im August erneut für das Amt  des Ministerpräsidenten kandidieren.  Der  Leistungsdruck,  die  Erwartungen  sind hoch.  Schon  früh  bescheinigten  Althaus'  Ärzte:  Er  werde auf   die  politische  Bühne  zurückkehren können. „Das System erlaubt viel zu kurze Rehabilitations-  und  Erholungsprozesse“,  bestätigt  Dr.  Paul Reuther  vom  Bundesverband ambulant/teilstationäre  neurologische  Rehabilitation.  Er spricht  von  einem  „völlig  fehlenden  Versorgungsnetz“. Karl-Otto  Mackenbach  vom SelbstHilfeVerband  Forum Gehirn  e.V.  bestätigt:  „Angehörige  und  Betroffene  sind sich selbst überlassen.“ Die  Experten  fordern  eine Vernetzung  von  Therapeuten und Fachärzten, um eine koordinierte,  fachliche Versorgung in Wohnortnähe des Betroffenen schaffen. Die Nachsorge kranke aber noch an der Zusammenarbeit der  Kostenträger  und  an  den wirtschaftlichen  Mitteln. So spiele etwa die Neuropsychologie  im  ambulanten  Versorgungsangebot kaum eine Rolle,  kritisieren  die  Experten. Neuropsychologen  kümmern sich  um  die kognitiven  und emotionalen Folgen von Schädelhirnverletzungen und sorgen Fehlentwicklungen vor. Die  Arbeitsgemeinschaft „Rehabilitation  und  Nachsorge  nach  Schädelhirnverletzung“ wird die Tagungsergebnisse zusammengefasst an die verantwortlichen  Politiker senden.

 

SCHÄDELHIRNVERLETZUNG

In Deutschland erleiden jährlich 270 000 Menschen eine Schädelhirnverletzung. Knapp die Hälfte der Betroffenen ist unter 25 Jahren.

Ursache sind Unfälle im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz, im Haushalt oder bei Spiel und Sport.

Schädelhirnverletzungen: Durch äußere Gewalteinwirkung werden Gehirnsubstanz und Blutgefäße schwerst beschädigt.

Es treten Blutungen im Schädelinneren auf, das Gehirn kann anschwellen. Nervenzellen werden geschädigt, was zu schweren Störungen der Gehirnfunktionen führen kann.

Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus ist elf Wochen nach seinem schweren Ski-Unfall auf einem guten Weg zur vollständigen Gesundung.

 



vom 18.03.2009

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